Mirjam und Lena aus Deutschland

Wie (er)lebt ihr Pilsen?

Um dieser Frage auf den Grund zu gehen, haben wir uns an einem sonnigen Frühlingsnachmittag mit Mirjam (20) und Lena (19) getroffen. Die beiden leben seit Oktober 2014 in Pilsen und absolvieren einen Europäischen Freiwilligendienst bei TOTEM, einem Mehrgenerationenhaus hier in Pilsen. Seid gespannt, was die beiden bisher so erlebt haben und wie sie die Stadt auch unterschiedlich wahrnehmen!

Hallo ihr beiden!

Als ihr hier in Pilsen ankamt, was war euer erster Eindruck?

Mirjam: Auf jeden Fall – schöne Stadt! Das war glaube ich wirklich mein erster Eindruck. Als ich meinem Onkel erzählte, dass ich nach Pilsen gehen werde, meinte er: „Mirjam, dir ist schon bewusst, dass Pilsen echt hässlich ist?!“ Der war natürlich vor vielen, vielen Jaren hier. Und ich kam dann an und dachte mir: „Oh mein Gott! Das ist ja voll schön!“

Lena: Als ich mit dem Zug hier ankam und mit der Straßenbahn durch die Stadt fuhr dachte ich mir, dass hier doch ganz schön viel los ist! Wirklich, ich hätte nicht erwartet, dass Pilsen so ein Großstadt-Feeling hat. Und was mir in den ersten Tagen noch aufgefallen war, waren immer die schönen rosafarbenen Sonnenuntergänge, die schönen Abende.

In wie weit hat sich der Eindruck dann noch verändert, in der Zwischenzeit?

Mirjam: Also, ich frag mich immer…wo sind die 170.000 Menschen, die hier in Pilsen angeblich wohnen sollen? Sie fallen mir auf den Straßen kaum auf. Irgendwie ist das ja auch angenehm, dass nicht immer so viel los ist und die Stadt für mich fast eher ländliches Feeling hat. Es ist toll, wenn man hier erst ein paar Monate lebt und dann trifft man am Wochenende auf der Straße schon viele Leute, die man kennt. Man grüßt sich und unterhält sich – das ist ein sehr schönes familiäres Gefühl. Dadurch fühl ich mich hier sehr wohl und zuhause.

Lena: Der Eindruck, dass es eine schöne Stadt ist hat sich für mich nicht verändert. Aber wir lernen jetzt auch mehr die verschiedenen Bezirke kennen, vor allem die Randbezirke. Gerade wir wohnen ja auch eher am Stadtrand und gehen gern im Wald spazieren. Überhaupt alle anderen Stadtteile. Die Stadtmitte ist wunderschön, aber es ist auch schön, die ganzen anderen Facetten kennenzulernen.

Und was würdest du sagen, ist die größte Herausforderung hier?

Lena: Die Sprache und die Kommunikation. Manchmal laufen Sachen sehr schnell und dadurch passieren dann auch schnell Missverständnisse.

Mirjam: Ja, zum Beispiel „nástupiště“ ist der Bahnsteig, „napsat“ heißt schreiben, und zack – haust du das mal durcheinander und dann kommt natürlich etwas völlig anderes dabei raus. (lacht)

Was war denn die größte Umstellung für euch im Bezug auf ein Leben in Tschechien?

Lena: Auch wieder vor allem die Sprache. Weil man erstmal nicht immer sagen kann, was man denkt. Das war am Anfang schwierig für mich. Wenn es in der Stadt manchmal Situationen gibt, in denen man gern anders reagiert oder gern mehr verstanden hätte.

Mirjam: Ich weiß jetzt nicht, ob das direkt zum Thema passt. Aber was mir echt aufgefallen ist – es wird ja in Deutschland immer wieder diskutiert, dass sich die Menschen, die von außerhalb kommen, integrieren sollen in das System. Und jetzt, wenn ich quasi selbst Fremde bin in einem Land, merke ich, dass das definitiv nicht einfach ist! Das passiert nicht von heute auf morgen, das ist einfach ein langer Prozess. Und das ist sehr spannend zu beobachten und am eigenen Leib zu spüren.

Lena: Man wird da einfach ein bisschen sensibler dafür.

Was hat euch überrascht hier? In Pilsen, in Tschechien?

Mirjam: Das hört sich jetzt natürlich wieder echt dumm an, aber – was hab ich mir vorher zu Tschechien gedacht? Eigentlich gar nichts. Ja gut, ist halt der Osten. Und jetzt denkst du dir so, ist halt der Osten?!? Wie bescheuert warst du da eigentlich? Das war so ein Aha-Effekt. Wie konnte ich nur? Das einfach so abzustempeln?!

Lena: Mir ist aufgefallen, dass hier sehr viele Menschen so naturverbunden sind, so naturbegeistert. Fast alle gehen gern spazieren, Wandern, Ski fahren, Pilze suchen. Und schätzen das sehr. Und ich schätze das dadurch jetzt auch mehr.

Und ist euch sonst noch so aufgefallen in der Stadt?

Mirjam: Hmm…dass man hier in vielen Kneipen und Restaurants rauchen darf. Dadurch kann ich mir gut vorstellen, wie das auch bei uns früher war. Jeder hat so seine Kippen dabei und dann wird gekartelt und Bier getrunken. Und was mir auch auffällt, dass man in der tramvaji noch mehr Respekt vor den Älteren hat. Dass junge Menschen sofort aufspringen, wenn jemand Älteres die Tram betritt.

Was war denn eure schönste Entdeckung hier in Pilsen?

Mirjam: Ich glaub, die Pivoňka. (lacht) Nee, mir gefallen hier die Teichlandschaften. Und dann gibt’s halt so einzelne Orte, wo man gern hingeht, das Café Perfect World oder Café Regner. Pivoňka auf jeden Fall. Da hat man so ein schönes Kneipenfeeling und das Gewölbe und auch die Leute, die dort sitzen, die man dann irgendwann kennt, weil man sich ja dazuquetschen muss.

Lena: Ja, ich würde auch sagen, die vielen Cafés. Und an einem der ersten Frühlingstage waren in dem Bory-Park, den finde ich sehr schön.

Mirjam: Was ich auch sehr, sehr schön fand, ist diese Geschichte mit dem Anděl und dem Henker. Wenn man da mitten im Alltag einen Moment innehält, stoppt, den Engel berührt, sich was wünscht…

Lena: …das verbindet einen auch irgendwie mit den anderen Bewohnern der Stadt. Ja, das war auch eine schöne Entdeckung.

Und auf was freut ihr euch am meisten, wenn ihr an den Sommer in Pilsen denkt?

Lena: Lagerfeuer! Und die Seen hier, zum Schwimmen. Darauf, dass Mirjam Holzhackerin wird. (lacht) Echt, auf die schönen langen Nachmittage nach der Arbeit. Wenn man in der Sonne chillen kann und es ganz lang hell ist.

Mirjam: Und die Parks! Und ich hätte gerne mein Fahrrad hier. Und Tagestouren in den Böhmerwald!

 

Dann wünschen wir Euch noch eine schöne Zeit hier in den Cafés und im Böhmerwald und danken Euch für das nette Interview!

                                                                                                                              Frühling 2015

Wusstest du schon, dass ...


- Pilsen Kulturhauptstadt Europas 2015 ist

- der Kirchturm der höchste Kirchturm Tschechiens ist

- Karel Gott aus Pilsen kommt

- Pilsen zwölf Partnerstädte hat 

Pilsen eine Universitätsstadt mit mehr als 17 000 Studenten ist

- aus Pilsen das Pilsner Urquell kommt

- Bedřich Smetana hier gelebt hat

- es hier einen Engel gibt, der Wünsche erfüllt
 


 

Tandem    Západočeská univerzita v Plzni  Česko-německý fond budoucnosti  Ministerstvo školství, mládeže a tělovýchovy